LogoPhilippine Ylang-Ylang e.V. RecklinghausenLogo
 

Heimisch im Ausland
40 Jahre in Deutschland - “Filipinas on the Move”

von Mary Lou U. Hardillo-Werning
Vorsitzende
Babaylanes Germany
Philippine Women`s Forum e.V.

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen: erzählt wurde sie von einer unserer Mitbegründerinnen des Philippine Women`s Forum.

Als Gerd seinen Eltern erzählte, dass er während des World Jamboree – d. h. während des Welttreffens der Pfadfinder – im Jahre 1960 am Mount Makiling eine schöne Filipina Girl Scout kennen lernte und sich in sie verliebte, suchten seine Eltern die Philippinen auf einem Atlas und waren überrascht, dass die Inseln nicht existierten.

Mit den neuen, rasanten Kommunikationsmöglichkeiten und moderner Technologie gehören solche Suchspiele zum Glück der Vergangenheit an. Aber: ehrlich gesagt, wenn ich heute mal erwähne, dass ich aus den Philippinen stamme, denken die meisten Leute noch immer unweigerlich an einen Diktator und seine exzessiv Schuhe hortende Frau Imelda. Dann gesellen sich schnell andere Klischees hinzu: Die Rede ist von Medienmeldungen über Naturkatastrophen, Armut und Politik, gemischt mit Unterhaltung, die in der gesamten Region unübertroffen bleibt. Trotzdem enden zumeist solche Impressionen mit der lieblichen Bemerkung – „but the Filipinos are really nice people“. Ich bin sicher, die meisten hier anwesenden Filipinas und Filipinos haben Ähnliches erfahren.

Nun sind nicht wenige dieser netten Menschen hier in Deutschland beheimatet und heimisch geworden. Die ersten Ankömmlinge aus dem Reich der über 7.000 Inseln im Südchinesischen Meer war medizinisches Personal – Krankenschwestern, Ärzte, MTAs und Krankenpfleger, um Engpässe in der bundesdeutschen Gesundheitsversorgung zu schließen. Das geschah Mitte der sechziger Jahre und dauerte bis etwa 1975. Außerdem kamen damals zahlreiche philippinische Seeleute nach Deutschland und Europa. Mit der Ölkrise Mitte der siebziger Jahre endete die gezielte Anwerbung und Beschäftigung von Gastarbeitern. Diese Krise vermochte den unternehmungslustigen Geist der Filipinos, insbesondere der Filipinas, keineswegs zu dämpfen, die gleichzeitig mit ihrer eigenen Krise, Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit während der Kriegsrechtära zu kämpfen hatten.

Vermittlungsbüros für Arbeiten im Nahen Osten und Europa schossen damals wie Pilze nach einem warmen Regenguss aus dem Boden. Die philippinische Regierung unterstützte solche Maßnahmen gezielt und massiv. Ihr nämlich ging es in erster Linie darum, Devisen – D-Mark und Dollars – in großem Stil zu bekommen, um die in noch größerem Stil verursachten Kosten der Auslandsverschuldung zu tilgen. Gegenwärtig wird die Summe der Überweisungen aller im Ausland lebenden Filipinos und Filipinas, den so genannten OFWs, auf zirka acht Milliarden Dollar geschätzt. Ein erkleckliches Sümmchen, die die philippinische Wirtschaft über Wasser hält. Aus diesem Grund tituliert unsere Präsidentin die OFWs auch gern als „lebende Helden“.

Märtyrer würde ich hingegen zahlreiche OFWs nennen, weil sie ihre Familien, Freunde, Sicherheit und Gewohnheiten auf der Suche nach Arbeitstellen im Ausland opferten. Viele von ihnen leben in ständiger Angst, deportiert zu werden oder ihre Jobs zu verlieren. Und diese Lebensverhältnisse dulden sie nicht nur für sich, sondern mehr noch für die Belange der Familienmitglieder daheim.

Es gibt interessante Episoden über das Leben von Filipinas im Ausland. Ich konzentriere mich aber auf unsere Lebenssituation hier in Germoney.

Nach dem Anwerbestopp von so genannten Gastarbeitern folgte eine relativ romantische Zeit zwischen Deutschland und den Philippinen. Viele deutsche Männer waren zu der Zeit gesund, hatten gute Jobs und waren auf der Suche nach jemandem, mit der oder dem sie ihr Glück teilen wollten. Die so genannte Heiratsmigration erlebte eine Hochzeit – durch entsprechende Vermittlungsbüros oder persönliche Kontakte. Solche Geschäfte sind zwar in den Philippinen ungesetzlich, doch sie florieren – zumal in Zeiten des Internet, wo mensch per Mausklick Frauen aller Nationalitäten ansehen und als Partner „ordern“ kann.

Heute findet man Filipinas hier in Deutschland als Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Sängerinnen, Krankenpflegerinnen, Hausfrauen, Studentinnen, domestic workers, Hilfskräfte und Geschäftsfrauen.

Als Sprösslinge einer Umgebung mit einer reichen Tradition von Fiestas, Geselligkeiten und verwestlichtem Lebensstil gelingt es den meisten Filipinas mühelos, sich an das hiesige Leben zu gewöhnen und sich anzupassen. Zumal dann, wenn solche Begegnungen innerhalb einer familiären Umgebung, in Freundeskreisen oder in christlichen Gemeinden stattfinden.

Beobachtet mensch diese sozialen Begegnungen näher, so stellt sich vielfach schnell heraus, dass sie meistens von Filipinas initiiert und durchgeführt werden. Wir feiern Fiestas, Kulturfeste und Tanzabende zur Unterstützung karitativer Projekte in den Philippinen. Viele Organisationen behaupten, sie unterstützen den Bau von Kirchen, Schulen, Krankenhäusern zu Hause und helfen Straßenkindern sowie Opfern von Naturkatastrophen. Sie schicken Kleidungsstücke, medizinisches Gerät, Medikamente und andere wohltätige Dinge.

Es gibt bereits auch einige Filipinas, die Mitglied ihrer lokalen Ausländerbeiräte sind und sich ehrenamtlich für die Belange ihrer Ko-Filipinas und anderer Migrantinnen engagieren.

Seien Sie nicht überrascht über diese bemerkenswerte Energie und das Engagement von Filipinas. Im Gegensatz zu dem verbreiteten Klischee unterwürfiger und anschmiegsamer asiatischer Frauen existiert die Tradition der Stärke der einheimischen Frau. Es gibt in unserer Gesellschaft eine Tradition von Gleichberechtigung zwischen Man und Frau, bevor die spanischen Konquistadoren ihren Fuß auf unsere Inseln setzten. Frauen konnten Kinder bekommen, ohne verheiratet zu sein. Es gab ein Scheidungsrecht, wonach Frauen ihren Mädchennamen behalten und nach der Heirat auch über eigenen Besitz allein verfügen konnten. Darüber hinaus behaupteten sie sich in wichtigen politischen und Führungspositionen. Es gab die so genannten Babaylanes oder Catalonans, lokale Priesterinnen und Heilerinnen, die bedeutsame soziale, religiöse und politische Funktionen ausübten.

Nach 350 Jahren spanischer Kolonialherrschaft, die unser bekanntester zeitgenössischer Schriftsteller (Francisco Sionil José) als 350 Jahre im Konventsmief beschrieb, und 50 Jahren US-amerikanischer Herrschaft, also ein halbes Jahrhundert unter Hollywood, geriet diese wichtige Rolle der Frauen in Vergessenheit. Immerhin – es bedarf nur geringer Vorstellungskraft, um zu verstehen, weshalb philippinische Ehefrauen auch als Kumander, Befehlshaberin, gelten.

Mit dem Konzept von Gleichberechtigung folgen wir auch Werten und Traditionen im Sinne von Bayanihan, d.h. ehrenamtliche Tätigkeiten gemäß dem Prinzip der Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen sowie Damayan, also das Mitgefühl für Menschen in misslichen Situationen.

Filipinas und Filipinos sind überaus soziale Wesen, die das Gefühl schätzen, einem kleinen Freundeskreis, einer Gemeinde oder einem eingetragenen Verein zugehörig zu sein. Das ist sehr wichtig für uns; so können wir uns jederzeit über Probleme zu Hause austauschen, die von den kleinsten Dingen des Lebens bis hin zu Erfolgsgeschichten von Verwandten und Nachbarn reichen.

Wir fühlen uns buchstäblich inter-connected mit anderen Menschen. Es gibt gewiss auch Frauen, die aus Angst und Furcht vor „Chismiss“, der brodelnden Gerüchteküche, keine engen freundschaftlichen Beziehungen pflegen (wollen). Doch ein Leben ohne „Chismiss“, ohne Tratschen – besonders am Telephon – ist überaus langweilig. Und: Was nützt einer Filipina alle Wohlhabenheit und materieller Reichtum, wenn sie ganz allein auf sich gestellt bleibt, ohne Freunde ist und lediglich nur einen deutschen Mann hat?

In den nächsten Tagen werden Sie reichlich Gelegenheit haben, Einblicke in unsere Kultur zu nehmen und philippinisches Essen zu genießen. Kürzlich las ich, dass Recklinghausen auch die Stadt der Zivilcourage sei. Doch um unsere verführerischen kulinarischen Angebote zu kosten, bedarf es mitnichten einer Courage. Genießen Sie überdies unsere von zahlreichen ethnischen Minderheiten und spanisch beeinflussten Tänze sowie intensive Gespräche, ob in Englisch oder Deutsch, mit all den Philippinisch sprechenden Filipinas und Filipinos hier in Recklinghausen.

Nutzen Sie diese Gelegenheit auch, sich mehr mit den Philippinen vertraut zu machen, Ihr Verständnis der sozialen und politischen Entwicklungen dort zu vertiefen und Sympathien für die Belange der philippinischen Bevölkerung mitsamt ihrer Gastfreundlichkeit, Freundschaft und menschlichen Wärme zu entwickeln.

Und den hier anwesenden Filipinas möchte ich abschließend einen bedenkenswerten Rat einer sozial und politisch sehr aktiven, engagierten Nonne auf den Philippinen geben, die einmal sagte: „Wir haben eine kollektive, subversive und gefährliche Erinnerung an unsere Equality – Gleichberechtigung. Dies ist keine westliche, sondern unsere eigene Tradition, die wir aus der Vergangenheit zurück bringen, in die Zukunft transportieren und zu neuem Leben erwecken wollen“.

Maraming Salamat und Mabuhay!

Rede gehalten anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung „Philippinische Kulturgüter“ im Rathaus der Stadt Recklinghausen am 22 Oktober, 2005 in feierlichem Gedenken der seit 50 Jahren bestehenden Beziehungen zwischen Deutschland und den Philippinen.
Veranstaltet von: Philippine Ylang-Ylang e.V., Recklinghausen